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Lage der Insel Mompracem

Früheste Nennung von Mompracem bei Homen, 1554Zur Kartographie der Insel Borneo ist es wichtig zu wissen, dass die Portugiesen es waren, die im 16. Jahrhundert häufig vor Ort in Brunei waren, gerade diese Gegend bei der Brunei-Bucht wurde von ihnen gut kartografiert. Sie suchten eine Handelsroute zu den Gewürzinseln, diese Route führten an der Nordwestküste Borneos vorbei. Auch wollten sie mit Brunei in Handelskontakt treten. So machten sie hier häufig halt, wie Nicholl 1975 gut dokumentiert hat. Der gleiche Autor schreibt auch in seiner Kartographie-Untersuchung von 1976, dass die portugiesischen Karten für 200 Jahre unübertroffen blieben. Zwar übernahmen die Niederländer den Gewürzhandel zu Beginn des 17. Jahrhunderts, doch besuchten sie Brunei und Borneos Westküste nicht, bis auf den Besuch von Admiral van Noort 1600. Das Zentrum der Niederländer in Südostasien war Batavia, das heutige Jakarta auf Java, so befuhren sie die südlich gelegene Route und hielten nicht mehr in Brunei. Folglich kopierten sie und die anderen Europäer die Karten in bezug auf Nordwest-Borneo. Die vielen Fehler erklären sich daher. In Bezug auf Mompracem waren es insbesondere die Kartographen Mercator, Ortelius und Hondius, die die Insel abweichend von den anderen Karten angezeigt haben und dabei auch untereinander uneinigt waren, tw. sogar in ihren eigenen Werken verschiedene Angaben gemacht haben. Auf ihren Karten befindet sich Mompracem weiter westlich oder einfach irgendwo im Ozean eingezeichnet haben. Die meisten Kartographen sind allerdings bei der Lage südwestlich von Labuan geblieben. Erst wieder die Briten begannen im 19. Jahrhundert mit einer Kartografie, die sich auf Erfahrungen vor Ort stütze (Ausnahme: John Jesse von der Trading East India Company war 1775 vor Ort). Allerdings gab es auch Briten, die nicht vor Ort waren und die Informationen aus den Karten der Vorjahrhunderte kopierten.

Um die Lage Mompracems zu bestimmen, sollte man sich also auf die portugiesischen Karten konzentrieren. Mompracem taucht in allen portugiesischen Karten des 16. Jahrhunderts als Nachbarinsel von Tigao auf, das ist das heutige Labuan. Ebenso wie Mompracem hieß auch Tigao bis ins 19. Jahrhundert so. Mompracem wird häufig als ziemlich groß eingzeichnet, die Insel muss also sehr wichtig für die Seefahrer gewesen sein. Nicholl erklärt, dass man von hier aus den Weg in die Bucht von Brunei finden konnte. Da die Portugiesen Karten zu Gebrauchszwecken anfertigten, schrieben sie die wichtigen Dinge in die Karten, auf die sich nachfolgende Seefahrer verlassen mussten.
Der Name der Insel taucht unter verschiedenen Varianten auf: als „Mopiasem“ (1554), „Mōpalacā“ (1560), „Mõpraçam“ (1576) und „Mon Pratem“ (1592) auf den mir vorliegenden portugiesischen Karten. Auf den Karten des 17./18. Jh. taucht die Insel zumeist unter dem Namen "Monpracem/Mon Pracem" auf, aber auch als "Monpiacem", "Monpiaum" und später dann auch als "Mompracem".

Joh. van Keulen - KarteEin berühmter Kartograph namens Johannes van Keulen, der offizieller Kartograph der Ostindischen Kompanie war und auch selbst Geschäfte mit Südostasien betrieb, hat Namensvarianten von dieser Insel gleich zweimal in seine Karten geschrieben.  Die Karte "Nieuwe Afteekening van 't Eyland Borneo" zeigt Borneo und stammt aus dem 6. Band der "Zeefakkel", in dem bislang geheim gehaltenes Material in Bezug auf Südostasien veröffentlicht worden ist. Hier taucht Monpracem als Insel südwestlich von Tigao (Labuan) auf und Mompraly steht in dem gestrichelten Feld südwestlich davon geschrieben. Gepunktete oder gestrichelte Felder weisen auf Untiefen hin. In einer anderen Karte dieses Bandes, die Südostaisen zeigt, hat er ebenfalls beide Namen erwähnt, nur steht dieses Mal Monpracem im Umriss der Insel Labuan geschrieben, wäre also Labuan, während Mompraly wiederum in dem Feld steht, aber ganz im Norden, direkt neben der Insel Keraman. Es stellt sich die Frage, warum van Keulen zweimal Namensvarianten von Mompracem zeigt. Er hat viele Karten bearbeitet, um verlässliches Material zu Gebrauchszwecken zu erstellen, und dabei werden ihm wahrscheinlich die Diskrepanzen in den älteren Karten aufgefallen sein: einmal die klassische Lage südwestlich von Labuan, dann die etwas weiter westlich liegende Position, die in Tradition von Ortelius/Mercator/Hondius entstanden ist.

1824 teilten sich die Niederlande und Großbritannien Südostasien in einem Vertrag auf, dabei ging Malakka und die malaiische Halbinsel an die Briten, alles südlich davon liegende sollte den Niederlanden gehören. Die noch unbesetzt gebliebene und zwei Jahrhunderte lang vernachlässigte Nordwestküste Borneo wurde explizit nicht genannt. Als sich aber James Brooke in der 1840er in Sarawak niederließ und die Briten 1846 Labuan annektierten, wurde deutlich, dass hier die Briten herrschen würden. Später kam dann noch die British North Borneo Company dazu. Die Briten zeichneten also verlässliches Kartenmaterial, doch tauchen hier nicht die Namen "Tigao" und "Mompracem" mehr auf, sondern "Labuan" und "Keraman" für die südwestlich von Labuan liegende größte Insel. Die Lage der beiden korrespondiert mit jener der Inseln Tigao/Mompracem auf den portugiesischen Karten des 16. Jahrhunderts. Da nur diese beiden Zeitperioden als verlässlich in Bezug auf das Kartenmaterial von Nordwest-Borneo anzusehen sind, kann festgehalten werden, dass Tigao = Labuan und Mompracem = Keraman ist.

Negros Annahme, bei Mompracem kann es sich nicht um Keraman handeln, ist hinfällig, denn er ist vom nicht relevanten Kartenmaterial ausgegangen und hat auch einige Fehler gemacht. So setzt er "Cheremon" mit Keraman gleich, was aber nicht stimmt. Mit Cheremon ist bei Marryat, den er in dem Zusammenhang anführt, die Insel "Chermin" in der Bucht von Brunei gemeint, eine geschichtsträchtige Insel, auf der Verteidigungsanlagen gestanden haben. Auch ist auf Karten oftmals der Zusatz für "Insel" - als Abkürzung - bei Mompracem zu finden, also z. B. "Monpracem Ed.", "I. Monpiacem" oder ähnliches. Das schließt Negros Annahme aus, dass Mompracem eventuell niemals eine Insel gewesen ist.  Es ist auch abwegig zu behaupten, Keraman gehöre zum Rusukan-Archipel, wobei damit bewiesen wäre, dass Keraman nicht Mompracem sein kann, sobald Mompracem und Rusukan auf einer Karte genannt werden. Die Rusukan-Inseln befinden sich in südlicher Nachbarschaft zu Keraman, sind allerdings viel kleiner. Eher würden sie dem Keraman-Archipel angehören, wie er auch tw. von einigen Reisenden genannt worden ist (Guillemard 1886: 264), doch noch eher gehören alle Inseln dem Labuan-Archipel an, da Labuan die größte der Inseln.
Ampa Patches, Mompracem und KeramanNegro möchte das Ampa Riff (Ampa Patches), das gegenüber dem Küstenabschnitt zwischen Kuala Belait und Muara in Brunei liegt, als Mompracem annehmen, doch er verwendet gerade bei seiner Positionsanalyse die weniger aussagekräftigen Karten, wobei er annimmt, die neueren Karten wären die richtigeren. In Bezug auf die Nennung von Mompracem sind es aber die Karten des 16. Jh., denen er seine Aufmerksamkeit hätte widmen müssen. Der Name "Ampa" stammt auch nicht von einer Namensvariante von Mompracem namens "Mampracem", sondern wahrscheinlich von dem gegenüber den Ampa Patches liegenden Ampa River. Überhaupt sind diese Ampa Patches durch Sediment-Ablagerungen der großen Flüsse, die an der gegenüberliegenden Küste Borneos ins Meer fließen. Negro zeigt in seinem Buch übrigens selbst eine Karte mit dem Fluss. Mompracem ist nicht durch ein Wetterereignis untergegangen und hat ein Riff gebildet. Es reicht nicht aus, auf die Zerstörung der Vulkaninsel Krakatoa im Jahr 1883 hinzuweisen, die zwischen Java und Sumatra liegt. Er stellt keine schlüssige Verbindung zu Mompracem an der Stelle her. Er führt auch das Buch "La Riconquista del Mompracem" von Emilio Salgari an, in dem sowohl Mompracem als auch Karaman erwähnt werden. Erstens ist aber unklar, ob Salgari das Buch überhaupt selbst geschrieben hat (Spagnol 1982: 163), zweitens hat Salgari gewiss nicht gewusst, dass Mompracem inzwischen Keraman heißt. Er ist ja von einer Karte ausgegangen, die die Insel in westlicher Position, weitab von Labuan, zeigt.

Wenn man das Kartenmaterial genau untersucht, dann kommt man zu dem Schluss, dass es sich bei Mompracem nur um die heutige Insel Keraman handeln kann. Doch es gibt noch einen anderen Beweis dafür, nämlich die Bedeutung des Namens.

 

 

 

 

 

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