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Die Entdeckung des realen Sandokan

In den 1990er Jahren bereiste ich mehrmals Malaysia, insbesondere Sabah auf der Insel Borneo, also das Land, in dem laut Emilio Salgari Sandokan gelebt hat. Weil ich an der allgemeinen Behauptung, dass es Sandokan nie gegeben hätte, zweifelte, versuchte ich dort Näheres herauszufinden. Inzwischen hatte ich ja in der Fachliteratur zur Geschichte Südostasiens entdeckt, dass die rote Flagge mit dem Tigerkopf, also Sandokans Flagge bei Salgari, als Flagge von Syarif Osman von Marudu existiert hatte. Auch Mompracem ist auf alten Karten verzeichnet. Warum sollte es nicht auch Sandokan selbst gegeben haben?

Hier - wo eins die Festung Syarif Osmans stand - erhielt ich die Information über Sandokan an diesem Tag.So fragte ich am 11.8.1993 in Marudu bei einem Treffen in Syarif Osmans verfallener Festungsanlage nach. Ich hielt mich dort mit meinen malaysischen Bekannten aus Marudu auf, die ich im Vorjahr kennengelernt hatte. Ein Verwandter, der als Lehrer an einer Schule tätig war, wusste, dass Sandokan ein Kampfgefährte Syarif Osmans war. Beide haben am 19.8.1845 die Festung in Marudu gegen die angreifenden Briten verteidigt. Marudu, so wie Syarif Osman es in den Jahren zuvor aufgebaut hatte, ging an diesem Tag unter. Auch bei Emilio Salgari taucht Marudu auf, und zwar als Sandokans Herkunftsort. Emilio Salgari vermag also mehr gewusst zu haben als allgemein geglaubt wird.

Ich fragte noch an weiteren Orten in Sabah nach, wer Sandokan gewesen sei, und erhielt weitere stützende Aussagen. 1994 fuhr ich dann nach Rom, um dort Literatur von und über Salgari einzusehen, aber auch, um ein fürMein Buch über Syarif Osman von Marudu den südostasiatischen Raum zuständigen italienischen Professor aufzusuchen und ihm von meiner "Entdeckung" zu berichten. Prof. Dr. Luigi Santa-Maria, der ehemals an der Uni Neapel tätig war, riet mir, mein Wissen sofort zu veröffentlichen. Wieder zurück in der Heimat, schrieb ich also einen Artikel über Sandokan und hielt im Folgejahr auch Vorträge in Berlin und Köln darüber. Der Artikel wurde inzwischen in drei Sprachen veröffentlicht, nämlich 1995 in deutscher, 1996 in italienischer und 1998 in englischer Sprache, ein weiterer ist 2004 erschienen. 2003 ist auch mein Buch "Marudu 1845 - The Destruction and Reconstruction of a Coastal State in Borneo" erschienen. Hier wird die Geschichte Syarif Osmans von Marudu behandelt, der von den Briten als Pirat angeklagt und schließlich vernichtet wurde. An seiner Seite kämpfte Sandokan, der auch in diesem Buch vorkommt - nämlich als Allianzpartner von Syarif Osman. Mehr zu dieser Geschichte auf dieser Page unter "Syarif Osman"!

Natürlich habe ich nicht aufgehört, mich weiterhin umzuhören. Ich stieß auf eine überaus interessante Genealogie der heute in Sandakan ansässigen Familie des 1980 verstorbenen Pengiran Digadong Galpam. Diese Genealogie wurde von Supriya Bhar aufgezeichnet, darin taucht der Name "Sindukung" als Vorfahr auf. Dazu muß man wissen, dass ich auch bei den Interviews, die ich in Marudu und Umgebung geführt habe, mit verschiedenen Namensvarianten von Sandokan konfrontiert worden bin, was aber gar nicht so ungewöhnlich für den nordborneoschen Raum ist, da hier verschiedenen Ethnien leben und der Name aufgrund von mündlichen Tradierungen an den verschiedenen Orten leicht variiert worden ist. Zum Beispiel wurde mir in Limau-Limawan der Name "Sandokong" genannt, wobei die malaiische Buchstabenkombinaton "ng" wie ein "ñ" ausgesprochen wird. Die dunklen Vokale (a, o, u) sind zuweilen auch austauschbar. Als ich die Familie Galpam in Sandakan 1997 erstmalig selbst aufsuchte, nannte sie mir für den in der Bhar-Genealogie angegebenen Namen "Sindukung" übrigens "Sandukung". In jener Genealogie taucht Sindukung als Großvater von dem bekannten Pengiran Sammah auf und auch als derjenige, der die lukrativen Höhlen entdeckt hat. Die gleichen Informationen werden von Einwohnern des Flussbezirkes Kinabatangan angegeben, die den Großvater von Pengiran Sammah als "Sandukur" bezeichnen, laut Aufzeichnungen von Bampfylde im Jahr 1883 vor Ort. Was die unterschiedlichen Enden der beiden Namen betrifft, kann es aber auch sein, dass sich derjenige, der die Geschichte der Kinabatangan-Bewohner im vergangenen Jahrhundert aufgezeichnet hat, verhört oder einfach nur unordentlich geschrieben hat. Allerdings erwähnt auch Salgari seinen Haupthelden an der allerersten Stelle und nur einmal als "Sandekao", danach aber immer als "Sandokan". Der Name "Sandokan" selbst wird auch in Sabah genannt, und zwar in Tradierungen von Kota Marudu.

Auf den folgenden Seiten kann man zunächst weitere grundlegende Informationen zu Sandokan selbst lesen.

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