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Königreich Marudu

Marudu unter Syarif Osman estarkte zum "kerajaan", was übersetzt soviel wie "Köngreich" bedeutet. In "ke-raja-an" steckt das Wort "raja" (Radscha) für König/Herrscher. Osman schaffte etwas, was vor und nach ihm niemandem in dem Gebiet gelang: Er einte es. Davor und danach zerfiel das Gebiet u. a. in Einflussbereiche von Brunei und Sulu. Unter Syarif Osman war es automon. Er war als unabhängiger Herrscher von Brunei, Sulu und anderen lokalen Bevölkerungsgruppen akzeptiert, ja geradezu als Freund und Verwandter von Sultansfamilien geschätzt, aber ebenso von den Europäern vor Ort aktzeptiert. So erkannten ihn sowohl der Gouverneur von Manila namens Claveria (für Spanien) an, der über Osmans Aktivitäten genau Bescheid wusste, als auch Gouverneur von Singapur namens Butterworth (für Großbritannien), letzterer betitelte ihn sogar als "Raja von Marudu" und lud ihn nach Singapur ein.

Marudu unter Syarif OsmanMarudu weist drei Einflusssphären auf, die, je näher sie am Zentrum am Marudu-Fluss lagen, umso stärker Osman unterstanden. In der Karte links ist der am dunkelsten rote Bereich jener, in dem Syarif Osman am stärksten Macht ausübte. Je heller, desto weniger stark war sein Einfluss.

1) Die Bucht von Marudu war Syarif Osmans Kernbereich. Im Jahr 1851, also sechs Jahre nach der verheerenden Schlacht von Marudu, überreichte Osmans Sohn Syarif Hassan dem Briten Spenser St. John eine Liste, aus der hervorgeht, wieviele Familien an welchen Wohnorten Syarif Osman untergeben waren, d. h. tributpflichtig. St. John errechnet 3660 Familien und daraus knapp 60 000 Personen, die Syarif Osman unterstanden. Die Orte auf der Liste umfassen alle Orte auf der westlichen Seite und viele auf der östlichen Seite. Hinzu kommen jene der vorgelagerten Inseln (Banggi, Balambangan). Auch später geben die Anführer der Bucht, egal ob sie mittlerweile sich wieder zu Brunei oder Sulu hingezogen fühlen, an, dass sie damals alle einem großen, mächtigen Anführer unterstanden. Das Zentrum lag am Marudu-Fluss, ziemlich genau in der Mitte im Süden der Bucht gelegen. Traditionellerweise gab es vier Flüsse, die als wichtigste Handelsflüsse Marudus galten: den Marudu, den Tandik, den Bongon und den Bengkoka. Syarif Osman ließ zudem viele neue Siedlungen errichten und Festungen bauen. Marudu galt als ökonomisches Zentrum.

2) Der zweite, mittelrote Bereich grenzt an den etwas dunkleren Teil. Auch hier unterstanden die Fluss-Oberhäupter Syarif Osman. Flüsse galten als Distrikte. Die Verkehrsadern des Landes waren zum überwiegenden Teil die Flüsse. Ebenso erstreckte sich sein Einfluss auf benachbarte Inseln. Es wird in der Literatur berichtet, wie Syarif Osman gegen die Bevölkerung der Insel Balabac ziemlich rigoros vorgeht, da sie den geforderten Tribut nicht zahlte. Gleiches wird von Ambong berichtet. Die Orte Tempasuk und Pandasan unterstanden ebenfalls Marudu, aber vielleicht waren es hier eher Bündnisse. Die Oberhäupter von Tempasuk nannten sich selbst "Sultane" und fühlten sich zumindest von den beiden anderen Sultanaten unabhängig. Von Syarif Osman ist bekannt, dass er seine Flotte auch nach Tempasuk schickte. Mündliche Überlieferungen weisen auf verwandtschaftliche Beziehungen hin. Tempasuk übte nach Marudus Fall Rache an den Briten aus und wurden dafür wiederum von der britischen Navy vernichtet. Hier bestand ein partnerschaftliches Verhältnis, in dem aber Syarif Osman der stärkere Partner war. Wahrscheinlich waren aber beide Orte tributpflichtig, weil Osman eben seine gesamte Flotte auch dorthin wie zu anderen tributpflichtigen Orten geschickt hatte. 

3) Der hellrote Bereich ist jener der Allianzen. Hier lebten Anführer, die Osman sich per Allianzen versichert hatte, wobei er hier, ähnlich wie im Fall Tempassuk auch als der mächtigere galt. So ist seine Allianz mit Sandokong von Melapi am Kinabatanagan bekannt, der wahrscheinlich seine Vogelnester, die bei den Chinesen als teures und begehrtes Handelsgut galten, zum Umschlagplatz in Marudu gebracht haben wird. In mündlichen Überlieferungen werden Osman und Sandokong als Freunde und Kampfgefährten dargestellt. Syarif Osman war sehr wahrscheinlich daran interessiert, den lukrativen Vogelnester-Handel im Norden Borneos unter seine Kontrolle zu bringen. Zum historischen Sandokong (Sandokan) bitte auf Link klicken!

Nach der Schlacht von Marudu erkannten die Briten anhand von Kleidung und Waffen viele einflussreiche lokale Persönlichkeiten unter den Gefallenen. Sie alle hatten zu Syarif Osmans Bündnispartnern gehört, waren seine Gefolgsleute.

Marudu grenzte also im Süden an Brunei. Kimanis, das als Erbe dem Pengiran Usop von Brunei gehörte, stellte hier die Grenze dar. Es wird aber auch berichtet, dass Osman eine Handelsstation auf der Insel Labuan einrichten wollte. Die Insel war vor den Briten auf jeden Fall besiedelt. Vielleicht war dieses ein Grund, weshalb Brooke Syarif Osman unbedingt aus dem Weg haben wollte. - Im Osten grenzte Marudu an Sulu, wobei es hier zu Überschneidungen der Kontrollbereiche gekommen sein mag. In Südostasien war es üblich, dass stets Menschen beherrscht worden sind und nicht Territorien, was bedeutet, dass ein Fluss, der im hellroten Bereich auf der Karte liegt, durchaus auch Sulu unterstehen konnte.  Der Kernbereich von Marudu mit den vorgelagerten Insel stellte eine Art Brücke zwischen den Sultanaten dar: Im Westen liegt das Südchinesische Meer, im Osten die Sulu-See. 

Zusammenfassend kann man sagen, dass Syarif Osman fast über das Gebiet des heutigen Sabah herrschte inklusive einiger Inseln im Norden (Palawan), die heute zu den Philippinen gehören.

 

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