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Informationen zu Syarif Osman

Herkunft:

  • Syarif Osman stammt vermutlich aus dem Bereich des Sultanats Brunei, laut Überlieferungen vor Ort von der Insel Cagayan de Sulu; eine andere Überlieferung meint, seine Mutter wäre eine Frau aus dem ortsansässigen Volk der Bajau
  • Sein Titel "Syarif" (Sharif) verweist auf eine arabische Herkunft, die aber weit zurückliegen kann. Mit "Syarif"  bezeichnet man die Nachfahren des Propheten Mohammed.
  • Syarif Osman errichtete in Marudu mehrere Orte und Festungen. Sein Heimatort war aber Kampar, wohin er auch seine Familie vor der Schlacht von Marudu bringen ließ.

Heiratsverbindungen:

  • Syarif Osman war mit einer Prinzessin von Sulu verheiratet, nämlich der nicht namentlich in der Genealogie der Sultane von Sulu aufgeführten Tochter des Sultans Pulalun, Schwester des Thronprinzen (Raja Muda) Datu Mohammed Buyo. Mündlichen Überlieferungen von Marudu nach heißt diese Prinzessin "Dayang Sahaya", wobei Sahaya für "Cahaya" (= Licht) steht. Ihre Haut sei so durchsichtig gewesen, dass man das Essen habe die Speiseröhre hinunterrutschen sehen können. Dayang Sahaya wird mit magischen Fähigkeiten belegt, sie wurde von der Bevölkerung sehr verehrt. Auf ihr Grab in Marudu hat man weiße Steinchen gelegt, die magische (Heil-)Fähigkeiten hätten. Daher seien die Steinchen oft als Talisman mitgenommen worden. Aber so viele Steinchen auch entfernt worden sind, immer wieder waren Steinchen auf ihrem Grab. Ihr Bruder, Datu Mohammed Buyo, betrauerte sehr ihren Tod und war fortan den Briten gegenüber feindlich eingestellt.
  • Osman war darüberhinaus mit weiteren Frauen verheiratet. Den Überlieferungen nach war es eine beachtliche Anzahl, wobei die genannte Zahl 40 (bzw. 44) im Islam als symbolisch anzusehen ist. Osman hat Töchter von Flussoberhäuptern geheiratet und damit Allianzen geschlossen, sich die Loyalität möglicher Konkurrenten gesichert. Die Seite des Ehemannes wird als die mächtigere angesehen. Auch wurde von einem Herrscher erwartet, dass er viele Ehefrauen hat, da seine Fruchtbarkeit stellvertretend für die des ganzes Landes ist.  

Familie/Nachkommen:

  • Sohn Syarif Hassan; er residierte 1851 in der Bucht von Marudu, hatte aber machtpolitische Probleme mit Datu Badrudin und Syarif Houssein; Hassan überreichte dem Briten Spenser St. John eine Liste an Familien, die seinem Vater Osman tributpflichtig gewesen sind. St. John errechnete daraufhin 3660 Familien, die Osman unterstanden. Anhand dieser Liste kann man erkennen, dass die gesamte Bucht von Marudu Syarif Osman bis 1845 unterstanden hat. Seine Söhne hatten dagegen Probleme, diesen Einfluss aufrechtzuerhalten, Marudu wurde praktisch wie ein Kuchen aufgeteilt.
  • Sohn Syarif Yassin; vermutlich Sohn von Dayang Sahaya und Syarif Osman, da Yassin sich nach Sulu orientierte und auch eine Prinzessin von Sulu geheiratet hat. Allerdings hatte er insgesamt vier Ehefrauen, einer seiner Schwiegerväter war Syarif Idrus, der ihn nach 1845 in Labuk aufnahm; Yassin hatte 1845 in Marudu mitgekämpft und musste fliehen. Syarif Yassin bezog einen klaren Anti-Piraterie-Standpunkt gegenüber den Briten, weil er aufgrund seiner Erfahrungen in Marudu befürchete, auch vernichtet zu werden. Er war daher betont Briten-freundlich und half ihnen mehrmals. Syarif Yassin wechselte mehrmals den Wohnort, war aber immer in der Bucht von Marudu präsent und verwaltete mehrere Orte, die vorher seinem Vater unterstanden haben. Er war Herr über die Gebiete am Sugut, Tandik und Bengkoka und trieb international Handel. Syarif Yassin und Syarif Shee, der sich nach Brunei hin orientierte und mehr die Gebiete in der westlichen Bucht kontrollierte, waren praktisch Konkurrenten, aber auch Syarif Shee gab den Briten gegenüber an, dass sie alle vormals einem mächtigen Anführer gehorcht hatten, also Syarif Osman. Syarif Yassin wurde von den Briten als der "principal chief" (Haupt-Anführer) in der Bucht von Marudu angesehen, allerdings hatte er nicht den weitreichenden Einfluss wie sein Vater. Der Titel seines Vaters hatte sich auf ihn vererbt. Er starb im Jahr 1882.
  • Enkel Syarif Hussin (1859 - 19.2.1886), Sohn von Syarif Yassin. Er ehelichte ebenfalls eine Prinzessin von Sulu. Er war zudem mit der Tochter des Oberhauptes von Sugut, Syarif Datu Muhammed Isreal, verheiratet. Hussin wurde als Herr über den Sugut-Distrikt angesehen. 1883 residierte er in Telaga (Bengkoka-Distrikt in Marudu). Er wurde nur 27 Jahre alt. Mit ihm erlosch die Osman-Dynastie. Das Erbe ging an die befreundete Familie von Haji Abdulrachim.
  • Tochter Syarifa Loya, residierte am Tandik-Fluss (Zentralsphäre von Marudu) und war Herrin des Dorfes Kalimo.
  • In mündlichen Tradierungen werden noch weitere Verwandte von Syarif Osman erwähnt, z. B. sein Schwager Syarif Pompugan oder sein jüngerer Bruder Syarif Kaldi (Indal Lana)
  • Blutsbande bestanden quasi mit allen wichtigen Allianzpartnern.

Legitimation:

  • Durch seinen Titel "Syarif" war Osman sämtlichen Adligen der Gegend mindestens gleichberechtigt, teilweise hatten die Syarifs sogar einen höheren Stellenwert.
  • Durch seine Heirat mit der Tochter des Sultans von Sulu schuf er sich freundschaftliche Beziehungen zu Sulu. Sulu erkannte Marudu an.
  • Syarif Osman stand mit dem Bendahara (= Premierminister) Usop von Brunei und anderen Adligen, so dem Thronfolger von Brunei, in engem tw. freundschaftlichen und wirtschaftlichen Kontakt. Brunei erkannte Marudu an.
  • Durch sein Charisma beherrschte er die Bevölkerung. Er bemühte sich, das Adat (Gewohnheitsrecht) streng einzuhalten. In Syarif Osmans Heimatort Kampar befindet sich ein Hinrichtungsstein.
  • Syarif Osman band in einer Art Allianzsystem andere Fürsten an sich, dabei mehr oder weniger stark bzw. als Untertanen oder Partner. Die "Sultane" von Tempasuk gehörten dazu, ebenso wie Sandokong von Melapi, dem große Vogelnesterhöhlen am Kinabatangan gehörten.
  • Der britische Gouveneur Butterworth von Singapur erkannte Syarif Osman als "Rajah von Malloodoo" 1844 an, indem er ihm ein Schreiben sandte, um Hilfe bei der Suche nach einer europäischen Frau bat, und Osman anbot, nach Singapur zwecks Handelsgeschäften zu kommen. Brooke verhinderte die Auslieferung des Briefes. Die Anerkennung Osmans als Raja von Marudu durch den Gouverneur war ihm ein Dorn im Auge.
  • Der spanische Gouveneur Claveria von Manila erkannte Syarif Osman an und war gut über ihn informiert.
  • Auch Syarif Osmans Nachkommen lebten und herrschten nach seiner Niederlage und seinem Tod in Marudu, alllerdings nicht über das gesamte Gebiet, das Syarif Osman unterworfen gewesen war. Sein Sohn Yassin wird aber noch von den Briten als 1. Oberhaupt in Marudu wahrgenommen.
  • Osman galt als eine Art "heiliger Mann", weil er den Ritus der Unverwundbarkeit vollzogen hatte. Er wähnte sich selbst als unverwundbar, wurde von der Bevölkerung als mit magischen Fähigkeiten ausgestatteter Anführer wahrgenommen.
  • In Syarif Osmans Festungsanlage fand man nach der Schlacht viele angesehene Anführer von Borneo, die ihm Schützenhilfe geleistet haben, wozu sie als seine Untertanen ausch verpflichtet gewesen sind. Selbst die Familie, die später in Konkurrenz zu den Nachfahren Osmans steht, hat hier auf seiner Seite mitgekämpft (Syarif Ali, Vater von Syarif Shee von Limau-Limawan).

Wirtschaftliche Situation:

  • Marudu galt als Umschlagsort. Hier wurden Waren aus dem Dschungel (Kampfer, Vogelnester) im Hafen gestapelt und ins Ausland verschifft. Marudu lebte vom Handel. Das Zentrum von Marudu war die Festung (kubu) von Syarif Osman am Fluss Langkon. Osman gehörte der eingewanderten Elite-Schicht an, die den Handel der Inlandsbevölkerung mit Fremden organisierte.
  • Marudu lag zum Schutz vor Piratenübergriffen viele Kilometer landeinwärts und wies für einheimische Verhältnisse starke Verteidigungsanlagen auf. Osman bot Schutz vor Feinden.
  • Syarif Osman verlangte von seinen abhängigen Oberhäuptern Tribut, und das waren nicht nur Flussbezirke in der Bucht von Marudu, sondern auch weiter entfernt liegende Gebiete und Inseln, z. B. Ambong oder Balabac. Osman unternahm Strafexpeditionen gegen säumige Tributzahler.
  • Syarif Osman ließ gestrandete Schiffe in seinem Herrschaftsbereich klären, ganz so wie es der Sitte entsprach. Osman fasste Marudu also als seinen Herrschafts- und Wirtschaftsbereich auf.
  • Die Briten fanden bei ihrer Plünderung die Stapelplätze von Marudu, brannten zu ihrem eigenen Ärgernis zwei Lagerhallen voll mit Kampfer nieder.
  • Auf der Skizze zur Schlacht von Marudu sieht man sehr deutlich, dass hinter den Häusern Felder lagen. In Marudu wurde Reis und Tabak angepflanzt.
  • Handelsgüter waren außerdem: Perlen, Rattan, Wachs, Holz, Süßholz, Kampfer, Meeresprodukte aller Art und Vogelnester.

Militärische Stärke:

  • Syarif Osmans Festungsareal umfasste zwei Quadratkilometer und konnte sich mit jeder regionalen Anlage messen. Sie war an drei Seiten durch Wälle geschützt und an der vierten durch einen Fluss.
  • Osmans Emblem war eine rote Fahne mit Tigerkopf darauf. Sie wehte an mehreren Stellen über der großen Festungsanlage und wurde von einem Verteidiger wieder errichtet, als sie von den Briten heruntergeschossen worden war.
  • Er besaß elf große Geschütze, die oft namentlich in den Überlieferungen erwähnt werden und eine gewisse Rolle in der Schlacht spielten. Acht davon befanden sich in der Hauptfestung und waren auf das Hindernis (mit Ankerketten verstärkte Baumstämme), das über den Fluss gespannt war, ausgelegt, sodass Angreifer, die dort mit ihren Schiffen nicht weiterkamen, befeuert werden konnten. Drei befanden sich in einem Geschützstand. Ein schwimmender Gefechtsstand befand sich 1845 im Bau.
  • Er besaß viele Messingkanonen.
  • Osman ließ mehrere Festungen errichten, nicht nur am Langkon, wo die Schlacht 1845 stattfand.
  • Er befehligte eine Flotte. In seinen Werften wurden Schiffe gebaut.
  • Osman war militärisch organisiert: Ihm unterstanden 10 Kommandanten, die wiederum je 100 Kämpfer befehligten. Sie trugen Uniform. Ein solches stehendes Heer ist für jene Zeit sehr ungewöhnlich.
  • Osman verfügte über ein ausgedehntes Kommunikationsnetz. In der Nacht vor der Schlacht hörten die Briten Trommeln unaufhörlich schlagen. Die Kämpfer wurden so zusammengerufen.
  • Osmans Kämpfer wurden als Elitekämpfer beschrieben. Der Grund der Niederlage war vermutlich die übliche Kampfstrategie der Region: Man kämpfte eine Stunde, dann zog man sich zurück, weil der Verlust an Menschen zu hoch sein würde. Menschenleben waren in jenen eher dünn besiedelten Gebieten mehr Wert als Territorium. Die Marudu-Kämpfer dürften nach unserem Ermessen zu früh aufgegeben haben.
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