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Syarif Osman von Marudu

Marudus TigerflaggeSyarif (sprich: Sharif) Osman herrschte bis 1845 über Marudu, das man als frühes Staatsgebilde im Sinne von malaiischen Thalassokratien ansehen kann. Sein besonderes Verdienst war es, die gesamte Bucht von Marudu und Territorien in der Nachbarschaft unter seiner Herrschaft zu einen, was weder vor oder nach ihm mehr in der Form geschah. Auch Sankokong (Sandokan) von Melapi gehörte zu seinen Bündnispartnern. Marudu war also Syarif Osmans Fürstentum, seine Flagge war der Tigerkopf auf rotem Grund. Seine Legitimation ergab sich aus seinem Titel, seinen Heiratsallianzen, seinem wirtschaftlichen Konzept und seinem Charisma. Marudu war unter Syarif Osman unabhängig von Brunei und Sulu, und genau das wurde ihm zum Verhängnis.
James Brooke, ein britischer Abenteurer, der sich in den frühen 1840er Jahren in Sarawak in Usurpator-Manier im Süden Borneos festgesetzt hatte, duldete keine Konkurrenten. Erst schaltete er benachbarte Flussoberhäupter aus, dann übte er - unterstützt von der britischen Navy - seinen Einfluss erfolgreich über den Sultan von Brunei aus, den er sogar später in die Flucht schlagen ließ und nur zu seinen Bedingungen in dessen Hauptstadt zurückkehren erlaubte. Da Syarif Osman eine unkalkulierbare Gefahr darstellte und Marudu am wirtschaftlichen und machtpolitischen Erstarken war, konzentrierte Brooke all seine Energie von Oktober 1844 bis August 1845, um Syarif Osman als Piraten zu diffamieren, damit die Navy einen Vorwand hatte, Marudu zu vernichten.
Marudu wurde folglich unter dem Oberkommando von Vize-Admiral Thomas Cochrane am 19. August 1845 vernichtet. Es war ein schrecklicher Tag für die friedlichen Bewohner, die nicht so recht gewusst haben dürften, warum ihnen das zugefügt worden ist, und die auf lange Zeit das Vertrauen zu Europäern verloren hatten.
Es ist unklar, aber wahrscheinlich, dass Syarif Osman seinen Verwundungen nach der Schlacht erlag.  Bei späteren Besuchen der Briten in der Bucht von Marudu stellten sie fest, dass dort praktisch Anarchie herrschte und bedauerten sogar, dass es keinen so tatkräftigen Herrscher wie Syarif Osman mehr gab, der den Handel zwischen Marudu und den Briten hätte sichern können. Seine Söhne und Enkel regierten dennoch weiterhin in dem Gebiet von Marudu, aber die Vereinigung der verschiedenen Bezirke gelang ihnen nicht mehr.

In der britischen Geschichtsüberlieferung der Kolonialzeit wird Syarif Osman als Pirat bezeichnet, was auf James Brooke allein zurückgeht, der systematisch daran gearbeitet hat, Syarif Osman den britischen Offizieren und Behörden gegenüber so darzustellen, denn anders hätte er einen unabhängigen Fürsten in Borneo nicht bekämpfen können. Brookes vermeintliche Pirateriebeweise entbehren aber bei genauerer Untersuchung jedweder Grundlage.
Natürlich hat sich das Bild Syarif Osmans in der neueren Geschichtsschreibung geändert. Syarif Osman wird auch gerade in der malaysischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte als jemand angesehen, der sich tapfer, aber vergebens gegen die übermächtigen Briten zur Wehr gesetzt hat. In Marudu gibt es eine Vielzahl an Legenden über ihn. 
Dennoch gibt es immer wieder Aussagen über Marudu als Piratennest oder Syarif Osman als Piratenanführer, z. B. in Reiseliteratur oder von Personen, die anscheinend nur Literatur aus der Kolonialzeit zu Rate gezogen haben.
Marudu als unabhängiges Fürstentum wird in der Geschichte Sabahs kaum beachtet. Natürlich resultiert auch das aus dem allzu schnellen Untergang, der ihm bereitet worden ist. Brooke und spätere Briten, die vor Ort waren, wussten jedoch um die Bedeutung, die Marudu unter Osman gehabt hatte.

Libro su Syarif OsmanIch habe mich lange mit der Geschichte Marudus und Syarif Osmans auseinandergesetzt und eine Doktorarbeit darüber geschrieben. Sie ist in Englisch veröffentlicht worden, damit sie international besser gelesen werden kann. Ich werde auf dieser Page einige Informationen zu Syarif Osman, Marudu, Sandokong und auch James Brooke bereit stellen. Siehe im Menu rechts!

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